Leseprobe: Die 7. Zeugin

Leseprobe: Die 7. Zeugin

1. KAPITEL
Berlin-Charlottenburg, Fredericiastraße 7:
Sonntag, 12. Januar, 8.10 Uhr
Nikolas Nölting drehte sich noch einmal um und sah zu seiner Tochter Lily, die ihm vom Fenster ihrer Wohnung im Hochparterre des Berliner Altbaus aus zuwinkte. Voller Liebe und Zuneigung winkte er zurück und lächelte sie kurz an. Dann wandte er sich um, zog die Schlaufe seines grauen Fahrradhelmes etwas enger und stieß sich kräftig mit seinem rechten Fuß vom Bürgersteig ab. Kalt wehte ihm der Fahrtwind ins Gesicht, und Nölting fröstelte. Während er krampfhaft mit der linken Hand den Lenker festhielt, um nicht umzukippen, zog er mit der rechten Hand den Reißverschluss seiner blauen Funktionsjacke bis unters Kinn und geriet dabei kurz ins Straucheln. Nölting fluchte leise, fing dann das Fahrrad aber im letzten Moment ab. Erleichtert atmete er tief aus, ehe er rechts in die Königin-Elisabeth-Straße einbog. Um diese Zeit herrschte sonntags kaum Verkehr. Kurz entschlossen überfuhr er die rote Fahrradampel Ecke Kaiserdamm und radelte dann quer über die Kreuzung in östlicher Richtung. Nölting war wegen der vielen Arbeit in letzter Zeit wenig zum Fahrradfahren gekommen. Er legte ein für seine Verhältnisse flottes Tempo vor, weshalb er leicht außer Atem war, als er etwa
sieben Minuten später sein Ziel in der Neuen Kantstraße erreichte: die Bäckerei »Aux Délices Français«. Er stieg von seinem Fahrrad ab, um es an dem Straßenschild anzuketten, und sah zu dem uniformierten Polizisten hinüber, der vor der Bäckerei stand.

»Guten Morgen«, grüßte er den nicht mehr ganz jungen Beamten freundlich und lächelte ihm zu.
»Morgen«, erwiderte der knapp und musterte Nölting eingehend.
Erst als dieser weiterlief, schaute der Polizist wieder konzentriert auf sein Smartphone. Nölting atmete tief durch. Mit schnellen Schritten ging er auf die Bäckerei zu, blieb dann aber abrupt vor der Eingangstür stehen und drehte sich um. Der Polizeibeamte, der das aus dem Augenwinkel mitbekommen hatte, sah kurz zu ihm herüber. Nölting zuckte mit den Schultern. »Mein Beutel«, sagte er und zeigte zu dem Fahrrad, wo seine alte Stofftasche über dem Lenker hing. Der Beamte nickte und widmete sich wieder seinem Handy.
Jetzt, dachte Nölting. Jetzt oder nie. Sein Puls stieg an, und sein Herz raste. Nervös atmete er noch einmal tief ein und ging wieder zurück in Richtung seines Fahrrades. Auf Höhe des Polizisten blieb er unvermittelt stehen und schlug mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, mit seiner rechten Faust gegen die Schläfe des Mannes. Ein stechender Schmerz schoss durch seine Fingerknöchel, während der Beamte, ohne einen Laut von sich zu geben, in sich zusammensackte. Nölting schüttelte seine Hand. Panik stieg in ihm auf. Wenn er jetzt seine Finger nicht mehr benutzen konnte, weil etwas gebrochen war, war alles umsonst. Vorsichtig ballte er seine Hand zur Faust, öffnete sie dann wieder. Es tat höllisch weh, aber die Motorik funktionierte noch. Das war alles, was zählte. Reiß dich zusammen, dachte er und kämpfte gegen den Instinkt an, einfach davonzurennen. Tief atmete er durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Bloß nicht durchdrehen! Einen Schritt nach dem anderen. Er gab sich einen Ruck und beugte sich dann eilig zu dem Polizisten hinunter. Ich muss an die Waffe kommen. Schnell! Nölting drehte den Beamten auf die Seite, öffnete die Sicherung des Holsters und nahm die Pistole vom Typ SIG Sauer 225 an sich. Er hatte sich zuvor im Internet informiert, welche Waffen die Berliner Polizei verwendete, und in einem Geschäft für Jagdbedarf in Brandenburg genau erklären lassen, wie diese zu handhaben waren. Unter dem Vorwand, er wolle einen Jagdschein machen, hatte er sich dann auch zu einem Schießtraining angemeldet und recht schnell eine gewisse Routine mit Handfeuerwaffen erlangt.

Erleichtert stellte Nölting fest, dass alles genauso war, wie er es geübt hatte. Alles lief genau nach Plan. Mit einem kurzen Blick vergewisserte er sich, dass die Waffe schussbereit war. Dann drückte er sich hastig vom Boden ab und eilte in Richtung Bäckerei. Sein Puls raste, auf seiner Stirn fühlte er kalten Schweiß. Dennoch versuchte Nölting, so ruhig wie möglich zu bleiben. Entschlossen öffnete er die Tür und betrat den gut gefüllten Verkaufsraum. Es roch nach frischen Brötchen und Kaffee, und es schien, als hätten die drei Verkäuferinnen allerhand zu tun, die Wünsche der zahlreichen Kunden zu erfüllen. Hektisch sah Nölting sich um. Ihm blieb kaum Zeit. Er musste jetzt handeln. Ein letzter Blick. Dann hob er die Pistole und gab in kurzer Folge vier Schüsse ab. Der Knall jedes einzelnen Schusses war ohrenbetäubend, und die Menschen im Verkaufsraum zuckten erschrocken zusammen. Die blonde Verkäuferin, die ganz links am Tresen stand, wurde von der Wucht des ersten Geschosses nach hinten geschleudert. Es hatte ihren rechten Oberarm getroffen. Sie hing jetzt in dem Regal zwischen Brötchen und Baguettes. Instinktiv presste sie ihre linke Hand auf die Wunde. Zwischen ihren Fingern bildete sich auf dem weißen Stoff ihrer Bluse ein roter Fleck, der immer größer wurde. Der Schock stand ihr ins Gesicht geschrieben. Entsetzt starrte sie Nölting mit offenem Mund an, dann sackte sie ohnmächtig zusammen. Der zweite und dritte Schuss trafen einen dunkelhaarigen Mann in einem blauen Anzug, der an einem der Bistrotische saß und entspannt seinen morgendlichen Espresso getrunken hatte. Als hätte man ihm den Stecker herausgezogen, war er schlaff nach vornübergekippt und lag zusammengesunken mit dem Oberkörper auf dem Tisch. Er bewegte sich nicht mehr – sein Gesichtsausdruck war starr und leer. Die vierte Pistolenkugel hatte das Bein eines älteren Herrn in einem braunen Mantel getroffen, der weiter vorne in der Schlange gestanden hatte. Der Mann war sofort mit einem spitzen Schrei in sich zusammengesunken. Wimmernd saß er jetzt auf dem Boden und blickte mit einer Mischung aus Schmerz und Angst zwischen seinem blutigen Bein und Nölting hin und her. Das alles geschah sehr schnell – von Nöltings Betreten der Bäckerei bis zur Abgabe des letzten Schusses waren nicht einmal zwanzig Sekunden vergangen. Erst jetzt begriffen die übrigen Anwesenden, was hier gerade passierte. Schlagartig brach Panik aus. Eine alte Frau in einem blauen Regenmantel floh an Nölting vorbei aus dem Laden, während sich die anderen Kunden hinter dem Verkaufstresen und den kleinen Bistrotischen in Sicherheit zu bringen versuchten. Nölting bekam das alles nur noch wie durch einen Filter mit. Vor seinen Augen verschwammen die Bilder zu einem Farbbrei, die Schreie der Menschen hörte er wie durch Watte. Für einen Moment dachte er, er würde ohnmächtig werden, doch er wusste, dass das jetzt nicht passieren durfte. Er biss sich auf die Unterlippe, bis sie blutete, um bei Bewusstsein zu bleiben. Es dauerte eine Weile, bis er seine Umgebung wieder wahrnahm und sein Gehör zurückkehrte. Benommen blickte er sich um und starrte in angsterfüllte Gesichter. Dann ließ er, von einer Sekunde auf die nächste, die Waffe neben sich fallen, kniete sich auf den Boden und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Er hatte es getan. Nölting schloss die Augen und dachte an seine Tochter Lily.

2. KAPITEL
Berlin-Charlottenburg, Neue Kantstraße,
vor der Bäckerei »Aux Délices Français«:
Sonntag, 12. Januar, 8.21 Uhr
Waren das Explosionen? Träumte er? Langsam wurden die Geräusche klarer, und Polizeioberkommissar Andreas Schäfer erlangte sein Bewusstsein zurück. Im ersten Moment dachte er, er würde zu Hause in seinem Bett liegen und aus einem tiefen Schlaf erwachen, doch dann holte ihn die Realität brutal ein.
Hinter seiner linken Schläfe spürte er einen Schmerz, der sich anfühlte, als würde eine ganze Kompanie von Bauarbeitern mit Presslufthämmern seinen Kopf bearbeiten. Er schlug die Augen auf. Die Bäckerei. Warum um alles in der Welt lag er hier vor dem »Aux Délices Français«? Vorsichtig stützte er sich ab, um aufzustehen, als er Schreie hörte. Die Tür der Bäckerei wurde aufgestoßen, und eine ältere Dame in einem blauen Regenmantel stürmte panisch heraus. Sie achtete auf nichts und niemanden und rannte, so schnell sie ihre Beine trugen, den Bürgersteig entlang. In diesem Moment begriff Polizeioberkommissar Schäfer, dass hier gerade etwas Schreckliches passierte. Das waren keine Explosionen in einem seiner Träume. Das waren echte Schüsse gewesen. Ihm war klar, dass er mit seinen einundsechzig Jahren nicht mehr der Jüngste war, und er gestand sich ein, dass er in letzter Zeit körperlich ein wenig abgebaut hatte. Ohne auf die Schmerzen zu achten, zwang er sich auf die Beine. Verstärkung rufen war keine Option, es kam auf jede Sekunde an. Jede Verzögerung konnte Menschenleben kosten. Schäfer griff nach seiner Pistole und erschrak.

Sein Sicherungsholster war leer. Und dann wusste er auch, warum: Der Mann mit der Tasche und dem Fahrrad hatte ihn brutal niedergeschlagen, offensichtlich um an seine Dienstwaffe zu kommen. Egal, das änderte jetzt auch nichts. So schnell es ging, stürmte er die drei Meter auf die Eingangstür zu. Durch die Scheiben konnte er sehen, dass zahlreiche Kunden geduckt hinter kleinen Tischen und den dazugehörigen Stühlen oder an der Seite der Regale hockten. Schäfer blickte hastig von links nach rechts, als er die Eingangstür aufriss. Wo war der Kerl? Es gab hier niemanden, der wild um sich schoss. Dann sah er, wie zwei der Kunden, die rechts von ihm an die Wand gelehnt kauerten, auf einen Mann zeigten, der vor dem Verkaufstresen auf dem Boden kniete. Schäfer erkannte ihn sofort wieder. Das war der Mann mit der Tasche und dem Fahrrad. »Keine Bewegung!

Rühr’n Se sich nich!«, schrie er ihn an und eilte mit zwei schnellen Schritten auf ihn zu. Er stieß ihn nach vorne und drückte ihm sein rechtes Knie so in den Rücken, dass der Täter flach auf dem Boden zu liegen kam, das Gesicht nach unten gepresst, die Arme ausgestreckt neben sich. Der Mann machte zu Schäfers großer Verwunderung keine Anstalten, sich zu wehren. Dann entdeckte der Polizeioberkommissar seine Dienstwaffe, die direkt neben ihm auf dem Boden des Verkaufsraums lag. Er griff sich die SIG Sauer und befahl in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete: »Hände uff den Rücken!« Der Mann gehorchte. Schäfer legte ihm die Handfesseln an.

3. KAPITEL
Sechs Monate später, erster Verhandlungstag
Berlin-Moabit, Kriminalgericht Moabit:
Montag, 20. Juli, 9.44 Uhr
»Herr Nikolas Nölting wird angeklagt, in Berlin am 12. Januar um 8.26 Uhr einen Menschen heimtückisch getötet und zwei weitere Menschen lebensgefährlich verletzt zu haben. Der Angeklagte hat sich dadurch des Mordes in Tatmehrheit mit zweifachem versuchtem Mord und gefährlicher Körperverletzung strafbar gemacht.« Oberstaatsanwalt Doktor Bäumler genoss es ganz offensichtlich, die Anklageschrift zu verlesen. Und das war kein Wunder, denn der Fall Nölting hatte in den vergangenen Monaten die Schlagzeilen der Berliner Boulevardpresse wie kaum ein anderes Ereignis beherrscht. Niemand konnte sich erklären, wie der unscheinbare Verwaltungsbeamte aus heiterem Himmel zum gefährlichen Killer werden konnte.
Langsam blickte Bäumler über die dicht besetzten Reihen im Schwurgerichtssaal 700 des Kriminalgerichts in Berlin-Moabit. Obwohl er gerade einen Meter fünfundsiebzig maß und leicht untersetzt war, stellte er mit seinen kurzen, hellgrauen Haaren und dem markanten Kinn eine imposante Erscheinung dar. Dieser Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass er anstelle der üblichen Krawatte eine weiße Fliege zu seinem makellosen Hemd trug. Es war allgemein bekannt, dass Bäumler stets auf sein Äußeres achtete und das Rampenlicht liebte. Und mit diesem spektakulären Fall schien er der Berliner Öffentlichkeit wieder einmal beweisen zu wollen, dass er der Hüter des Gesetzes war und mit unerbittlicher Härte durchgriff, wenn es darum ging, einen Verbrecher hinter Gitter zu bringen. Mit abschätzigem Ausdruck schaute der Oberstaatsanwalt, sodass es auch ja niemandem entgehen konnte, zu Nölting, ehe er mit der Verlesung der Anklageschrift fortfuhr.

Auf Bäumlers Blick hin drehte sich Rocco Eberhardt, Nöltings Verteidiger, zu seinem Mandanten um. Nölting saß zusammengesunken unmittelbar hinter dem Tisch der Verteidigung, in dem Bereich, der im Schwurgerichtssaal die Angeklagten durch eine Glasscheibe von den übrigen Beteiligten trennte. Nölting starrte ausdruckslos auf den vor ihm liegenden Leitz-Ordner. Er war ein unscheinbarer Mann, das komplette Gegenteil von Bäumler, mit einem Allerweltsgesicht, das einem auf der Straße nicht auffallen würde. Eberhardt fuhr sich mit der Hand durch seine dunklen Haare und lockerte die Krawatte über seinem blauen Hemd. In der Presse wurde darüber spekuliert, warum er, einer der renommiertesten Strafverteidiger der Stadt, das Mandat angenommen hatte, denn die Sache Nölting konnte er nach allgemeiner Auffassung nur verlieren. Eberhardt selbst sah das vollkommen anders. Ein Fall war erst verloren, wenn das Gericht in letzter Instanz das Urteil gesprochen hatte – und davon waren sie hier noch meilenweit entfernt. Beiläufig notierte er sich etwas in der Akte und blickte dann zu Oberstaatsanwalt Bäumler. Der war sichtlich um die Aufmerksamkeit der zahlreichen Gerichtsreporter bemüht, die sich in der ersten Reihe des Zuschauerblocks eifrig Notizen machten. Was für ein Lackaffe! Eberhardt schüttelte kaum merklich den Kopf.
Er konnte Menschen wie Bäumler nicht ausstehen, denen es weniger um ihre Arbeit als vielmehr um die Inszenierung ihrer eigenen Person ging. Aber damit würde er dieses Mal nicht durchkommen, auch wenn momentan noch alle Fakten gegen Nölting sprachen.

Denn irgendetwas war hier faul. Warum hatte sein Mandant einfach in der Bäckerei um sich geschossen? Dass er plötzlich durchgedreht war, konnte Rocco Eberhardt sich nicht vorstellen. Aber welchen Zweck hatte er dann verfolgt? Was auch immer hinter dieser scheinbar absurden Tat steckte, Nölting musste einen Grund gehabt haben. Und auch wenn Rocco Eberhardt noch im Dunkeln tappte, hatte er sich fest vorgenommen, herauszufinden, was das war.