Helios Leseprobe

PROLOG
BUDAPEST, UNGARN
Luk Krieger hatte ein ungutes Gefühl. Er sah auf das
Zifernblatt seiner Uhr. 20.37 Uhr. Noch acht Minuten,
und Abdul Mohammad Ralani, einer der führenden Köpfe der
Islamischen Freiheitsbewegung, der aggressivsten und rücksichts‐
losesten Terrorgruppe der Welt, würde aufhören zu existieren.
Einen Tag zuvor war Ralani mit gefälschten Papieren in der
ungarischen Hauptstadt eingetrofen, um sich hier mit den
Mitgliedern einer lokalen Terrorzelle zu trefen.
Krieger blickte durch das Zielfernrohr seines Scharfschüt‐
zengewehrs auf die Wohnung auf der gegenüberliegenden Stra‐
ßenseite. Alles war dunkel. Das baufällige Haus, das sonst
illegal eingereisten Flüchtlingsfamilien als Unterkunft diente,
war an diesem Tag leer. Zumindest nach den Informationen
des ungarischen Geheimdienstes. Und genau dieser Umstand
bereitete Krieger Sorgen. Außer den Ungarn hatte niemand
diese Informationen bestätigt.
20.41 Uhr. Noch vier Minuten.
Krieger atmete tief ein und aus, um sich zu konzentrieren.
Er musste seine Ruhe fnden, doch das fel ihm heute schwerer
als sonst. In den letzten beiden Jahren war er aufgrund der
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wachsenden Terrorgefahr in mehr Einsätze geschickt worden
als in den fünf Jahren zuvor. Immer schneller und mit immer
weniger Vorbereitung. Bis jetzt hatte er Glück gehabt, doch es
war nur eine Frage der Zeit, bis ein Fehler passierte. Und in
seinem Job endeten Fehler zumeist tödlich.
20.43 Uhr. Krieger rief sich noch einmal die Gesichtszüge
seiner Zielperson vor sein inneres Auge. Dann überprüfte er ein
letztes Mal die Einstellungen an seinem Gewehr, entsicherte die
Wafe und legte seinen Zeigefnger an den Abzug. Seine
Atmung und sein Puls waren jetzt vollkommen ruhig.
Um exakt 20.45 Uhr erhellte ein schwacher Lichtschein das
rechte der drei Fenster in der vierten Etage des Altbaus. Durch
das Zielfernrohr konnte Krieger sehen, wie jemand die
Wohnungstür öfnete. Eine Person trat ein und schaltete das
Licht im Flur an.
Der Mann war mittelgroß und hatte dunkle Haare. Aller‐
dings stand er so mit dem Rücken zu Krieger, dass dieser sein
Gesicht zunächst nicht erkennen konnte. Dann drehte der
Dunkelhaarige sich um, und Krieger war sich sicher: Das war
sein Mann.
Krieger atmete ein letztes Mal aus und zielte dann nicht auf
Ralani selbst, sondern auf die Gastherme, die neben ihm im
Flur angebracht war. Der Schuss würde eine Explosion auslö‐
sen, die das Gebäude zum Einsturz bringen und das Ganze wie
einen Unfall erscheinen lassen würde. Und niemand, der sich
jetzt noch darin aufhielt, hatte auch nur die geringste Chance,
zu überleben. Während Krieger den Abzug seiner Wafe
durchzog und das Magnum Geschoss auf seine todbringende
Reise schickte, gefror ihm das Blut in den Adern: Im exakt
selben Moment hatte sich eine der Türen im Flur geöfnet, und
Krieger konnte deutlich das Gesicht eines kleinen Jungen
erkennen, der Ralani mit verschlafenen Augen ansah.
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M
EINS
METEOROLOGISCHES INSTITUT DER UNIVERSITÄT
N’DJAMENA, TSCHAD – 4 WOCHEN SPÄTER
ara Balewa wischte sich mit einem Tuch den
Schweiß von der Stirn. Das war ausgesprochen unge‐
wöhnlich, denn die Klimaanlage des Meteorologischen Insti‐
tuts funktionierte einwandfrei und hielt die Temperatur bei
konstant dreiundzwanzig Grad Celsius. Doch es war auch
nicht die Hitze, die der jungen Wissenschaftlichen Mitarbei‐
terin den Schweiß auf die Stirn trieb, sondern vielmehr die
Zahlen auf dem Blatt Papier, das sie in den Händen hielt
und ungläubig anstarrte. Drei Mal hatte sie die Messergeb‐
nisse überprüft, und drei Mal hatte sie das gleiche Resultat
erhalten. Es gab keine Zweifel: Die Ozonschicht über der
Sahara im nördlichen Gebiet des Tschads war auf einer
Größe von einhundert Quadratkilometern komplett zerstört.
Das war eigentlich unmöglich, denn noch vor einer Woche,
als Balewa die letzte Messung durchgeführt hatte, war alles in
Ordnung gewesen. Sie musste sich irren. Das konnte nicht
sein. Es war unmöglich, dass innerhalb von einer Woche eine
komplett intakte Ozonschicht quasi völlig verschwindet. Und
es machte auch gar keinen Sinn, denn es hatte keine Anzei‐
chen gegeben, dass so etwas passieren würde. Balewa grif in
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die Tasche ihrer beigen Leinenshorts und fschte ihr Smart‐
phone heraus. Mit einer Wischbewegung öfnete sie das
Display und wählte die Nummer ihres Chefs. Der würde
wissen, was zu tun war.
»Madaki«, meldete sich der Leiter des Instituts.
»Professor, ich bin es, Balewa. Wir haben ein Problem.«
Balewa war so aufgeregt, dass sie sich verschluckte und kurz
innehalten musste, bevor sie weitersprach. »Ich weiß, es klingt
unmöglich, aber wir haben ein ziemlich großes, nicht verzeich‐
netes Ozonloch über der Sahara, nahezu einhundert Quadrat‐
kilometer groß.«
»Das ist Quatsch«, erwiderte Madaki unwirsch. Der Leiter
des Meteorologischen Instituts war ein über die Grenzen seines
Landes hinaus anerkannter Klimaforscher, ein Spezialist auf
seinem Gebiet. Er wusste, dass es unmöglich war, dass sich
ohne jeglichen Grund ein so großes Ozonloch auf natürliche
Art und Weise gebildet haben sollte. Er schnaufte, ehe er zu
einer umfassenden Erklärung ausholte, darum bemüht, seiner
Mitarbeiterin mit Geduld und Ruhe auf ihre Messfehler hinzu‐
weisen. Er musste sich sehr zusammenreißen, denn er konnte
es nicht leiden, wenn man ihn am Wochenende störte. Noch
mehr allerdings verachtete er nachlässige Arbeit.
»Sie täuschen sich. Und ich bin ehrlich gesagt überrascht,
dass Sie nicht selbst darauf gekommen sind. Denn wenn Sie
eins und eins zusammengezählt hätten, dann hätte Ihnen klar
sein müssen, dass das totaler Quatsch ist.« Er atmete tief und
laut durch. »Also, wodurch wird die Ozonschicht zerstört?«
Balewa, die erst vor kurzem die Stelle als Wissenschaftliche
Mitarbeiterin bei dem berühmten Professor angetreten hatte,
hatte schon häufger von dessen Ungeduld gehört, aber diese
hatte sie noch nie getrofen. Bis jetzt. Doch das war unfair,
dachte sie, denn sie arbeitete immer besonders präzise. Sie hatte
den Anspruch an sich selbst, perfekte Arbeit abzuliefern. Und
sie hatte die Messung zweimal wiederholt. Sie irrte sich nicht.
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Doch wie sollte sie das dem Professor erklären, der ihr ofen‐
sichtlich nicht glauben wollte?
»Balewa, sind Sie noch da?«, schallte es in deutlich unge‐
duldigerem Ton durch den Hörer.
»Doch, Professor, doch, ich bin noch da.«
»Na also, dann beantworten Sie doch netterweise meine
Frage. Wodurch wird die Ozonschicht zerstört?«
»Chlorradikale, Salpetersäure, Stickstof«, erwiderte die
junge Afrikanerin, obwohl das natürlich nicht ansatzweise die
recht komplexe Reaktion, die in der Stratosphäre ablief,
wiedergab. Aber es war genug, um ihrem Chef zu zeigen, dass
sie ihr Fach beherrschte.
»Na also«, erwiderte dieser in deutlich milderem Ton. »Und
wenn wir dann noch die zeitliche Komponente mit einbezie‐
hen, dann wissen Sie auch, dass es nicht sein kann. Also
wiederholen Sie die Messung noch einmal, und Sie werden
feststellen, dass Sie mich vollkommen zu Unrecht alarmiert
haben.« Damit legte er auf.
Balewa seufzte, denn sie war sich sicher, dass sie keinen
Fehler gemacht hatte. Eigentlich. Zweifel kamen in ihr auf.
Oder hatte sie doch etwas übersehen? Der Professor war eine
Autorität. Und sie selbst stand gerade erst am Beginn ihrer
wissenschaftlichen Karriere. Hatte sie doch etwas falsch
gemacht? Sie würde den Test noch einmal durchführen. Dieses
Mal würde sie alle Schritte doppelt und dreifach überprüfen.
Balewa ging zurück ins Labor und fuhr den Computer, auf
dem das Programm die Auswertung der Messergebnisse berech‐
nete, runter und wieder rauf. Es dauerte fünf Minuten, bis die
Systeme wieder geladen waren, eine Zeitspanne, die ihr endlos
vorkam. Dann begann sie erneut, gab die Parameter in die
Maske ein, kontrollierte jeden Schritt mit höchster Sorgfalt
und drückte dann auf die Enter-Taste, um die Auswertung zu
starten. Zum vierten Mal an diesem Tag. Wie gebannt starrte
sie auf den großen Monitor. Schließlich warf der Rechner das
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Ergebnis aus. Balewa schloss die Augen. Sie hatte sich nicht
getäuscht. Da war ein riesiges Loch in der Ozonschicht. An
einer Stelle, an der es noch nie Anomalien gegeben hatte. An
einer Stelle, die vergangene Woche noch vollkommen intakt
gewesen war.
Sie speicherte die Ergebnisse als PDF-Dokument und
sendete sie mit einer kurzen Nachricht an den Professor.
Keine drei Minuten später klingelte sein Telefon.
»Bleiben Sie, wo Sie sind«, sagte Madaki ohne jedes Wort
der Begrüßung. »Ich mache mich jetzt auf den Weg und bin in
einer halben Stunde im Institut.«
Balewa war für einen Moment erleichtert, dass der
Professor kam. Nicht nur, dass ihr Ruf wiederhergestellt war
und ihr Chef ihr ofensichtlich glaubte, Madaki würde auch
wissen, was zu tun war. Doch dann wich die Erleichterung
wieder dem Schrecken über das Messergebnis, denn ein uner‐
klärlicher Schaden in der Ozonschicht war eine absolute Kata‐
strophe.